Hallo,

und danke für Eure Rundbriefe, die ich erhalte, obwohl ich schon vor vier Jahren ausgetreten bin. Was keine Bitte sein soll, mich vom Verteiler zu nehmen. Ganz im Gegenteil:  Ich kann mich noch gut an die Zeit und den Zustand erinnern, in dem ich mich befand, als ich bemerkte, dass ich im Zweifel steckte. Und ich würde gerne meine Erfahrungen dazu kund tun, nicht zuletzt, um anderen in dieser Situation vielleicht ein wenig helfen zu können.

Hineingeschlittert in den Zweifel war ich durch die 1998 mit hohem Aufwand betriebene Aktion des “Scientologist Online”-Projektes. Ich sollte, so wurden diverse Org-Mitarbeiter nicht müde zu betonen, eine solche Site einrichten, und zwar so schnell wie möglich. Der Druck wurde verstärkt durch PTS-Anzeigen und die Aussage, dass meine Weigerung ans RTC berichtet werden müsste und mir ein Vorankommen auf den OT-Stufen sehr erschweren würde. Meine Ausbildung reichte zu diesem Zeitpunkt bis Klasse V, und ein paar Dinge hatte ich doch verstanden: So war meine Auffassung von Auditing – und Scientology im Allgemeinen –, dass  dieses in Richtung mehr Selbstbestimmung und Integrität führen sollte. Aufgezwungene Kommunikation tauchte des öfteren beim Heben von ARK-Brüchen auf und war sicherlich kein Instrument, das zu obigen Zielen führen könnte. Eine PTSness, wie sie mir angezeigt wurde, konnte ich im “Leben draußen” nicht ausmachen: Meine Firma expandierte, meine Familie blühte auf ...

Also musste eine versteckte Absicht hinter diesem Projekt stecken: Offensichtlich sollten bestimmte Sites im Internet nicht gefunden werden, indem die Suchmaschinen mit einer Vielzahl von Einträgen unter den offensichtlichen Stichworten gefüttert werden sollten. Dies wurde mir denn auch bestätigt. Es gäbe unterdrückerische Personen und Gruppen, die im Internet Lügen über Scientology verbreiteten. Die von der Org ausgehändigte CD sollte auf dem heimischen Rechner installiert werden und installierte einen Filter, der verhindern sollte, dass man diese Sites aufrufen kann: Ein Verhalten, das ich von Elternseite gegenüber ihren jungen Kindern, die man mangels Vertrauen in ihre intellektuelle Reife und moralische Mündigkeit vor einigen Erfahrungen schützen will, eventuell noch nachvollziehen kann. Innerhalb einer Gruppe, die sich die Wahrheitsfindung, die spirituelle Entwicklung und geistige Entfaltung auf die Fahnen geschrieben hat, sehe ich allerdings keinerlei Anlass und nachvollziehbare Begründung zu solchem Verhalten. Im Gegenteil: War dies nicht eher ein Anzeichen einer “schädlichen Absicht oder Handlung, gegen die man sich nicht wehren kann”? (siehe Definition von Unterdrückung.) Und war es nicht so, dass die Lüge im direkten Angesicht der Wahrheit keinen Bestand hat? Warum also die Lüge vergraben – es sei denn, es gäbe keine Widerlegung für sie, sie wäre also in Wirklichkeit die Wahrheit ...

Dazu stand ich kurz vor dem Punkt, das EP des Goldenen Zeitalters zu erreichen: Ich traute mich nicht einmal mehr, einen Assist zu geben, aus Angst, ich könnte etwas falsch machen. Denn ich wusste eines: ich war nicht perfekt. Die Checksheets des GAT (Golden Age of Tech) geben dies aber als Endergebnis an. Was ich im Kursraum beobachten konnte war das verkrampfte Einstudieren von Prozessanweisungen, stundenlanges Beantworten der ewig gleichen Fragen, um ohne Nachdenken auswendig Gelerntes von sich geben zu können. Doch war dies der Weg zur Perfektion? Ich schluckte ohne Rückfragen die Argumentation des RTC und fragte nicht nach den Referenzen, die sie dazu anführten. Was aber wollte LRH? Er definierte Perfektion als “akkurates Ablesen der Nadel bei Instant Reads” (Inhalt Tech Volume 62-64) oder “Kenntnis der Grundlagen, Perfektion bei den TRs, in der Modell Sitzung, beim Meter” (HCOBs 4.5.61, 26.4.62, 3.5.62).

Des weiteren bemerkte ich ein Zurückgehen der lebendigen Kommunikation bei so trainierten Auditoren. Wie soll man bei diesem Leistungsdruck auch entspannt bleiben; wo ist die Leistungskurve, das Herangehen an Gradienten, wenn jemand perfekte Assessments hinlegen soll (die man in der Regel auf Grad 3 oder 4 benötigt), bevor er einen einfachen Kommunikationsprozess (Grad 0) auditieren darf? Und dies, obwohl “Perfektion niemals auf Kosten der Kommunikation erreicht werden kann” (Kunst-Serie #1).
Interessanterweise war ein Tonbandvortrag vom Studentenhut gestrichen worden (“Ausbildung”), in dem LRH sich über Ausbildungssysteme lustig macht, die einen Studenten zwingen, alles auswendig zu lernen. Auf diese Weise würde man nur Roboter hervorbringen, die kein wirkliches Verstehen ihres Fachs erreichen könnten.

Und vor allem: Was war auf einmal so gefährlich am Auditieren? Wo war das Problem, sollte doch einmal ein Fehler auftreten? In einer entspannten Sitzungsatmosphäre können Auditor und PC doch, so hatte ich es früher gelernt, auf den Schutzmechanismus des Minds vertrauen – davon abgesehen, dass früher die Prämisse “Jedes Auditing ist besser als kein Auditing” in aller Munde war.

Bei mir verstärkte sich der Eindruck, das Goldene Zeitalter wäre ein Instrument zur Verhinderung von Auditing. Ich sah Co-Audit-Partner, die – nach vielen Jahren des Studierens endlich bei der Praxis angelangt – wieder gestoppt wurden. Internships wurden eingestellt, damit die Auditoren wie fehlerhafte Wagen in die Fabrik zurück gerufen werden konnten. Mit einem Unterschied: Bemerkt ein Autohersteller einen Fehler seinerseits, bessert er kostenlos nach. In der Kirche – trotz der übergeordneten Policy “Wir liefern immer, was wir versprechen” – wurden die Studenten erneut zur Kasse gebeten. Und auf Jahre gestoppt. OTs wurden abgewertet und erneut auf Programme geschickt, die sie bereits attestiert hatten.

Aber: “durfte” man dagegen protestieren? Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nicht getraut. Jeder Protest wurde als Kritik ausgelegt, diese würde auf Overts deuten, und damit fände man sich beim E/O wieder. Ich machte weiter gute Miene – und frage mich heute, wie vielen es ähnlich ging.

Und irgendwann fiel es mir auf: Ich traute mich nicht, darüber zu kommunizieren. Was aber bedeutet dies? Ich war unflach auf Grad 0 (siehe C/S Serie 2: “Ein OT VI mit Problemen ist einfach ein unflacher Grad 1”). Und weiter: Wie vielen war es möglich, ohne extreme finanzielle Belastung genügend Sitzungen zu kaufen, um zumindest Clear zu werden? Die Meisten erschufen sich finanzielle Probleme beträchtlicher Größe. Sie konnten somit niemals flach auf Grad 1 werden. Ist es ok, sich Geld von Mitscientologen zu leihen, obwohl man keine Chance hat, es in absehbarer Zeit zurück zu zahlen? Oder darf man gegenüber “Wogs” unehrlich sein, um damit Brückenschritte zu finanzieren? (Solche Ideen hatte ich hier und da in Aktion gesehen, immer mit der Begründung, dies alles geschähe “zum größten Wohl der meisten Dynamiken”, und oftmals unterstützt in der Argumentation von beflissenen Registraren.) Nun, eine alternative Möglichkeit bei der Routine des Klärens von Overts besteht in der Frage “Warum war dies kein Overt?” Und genau dies geschah: PCs (egal, welchen Grad sie offiziell führten) wurden nie wirklich flach auf Grad 2. Es war in Ordnung, die Familie zu verlassen, wenn diese den Vater oder die Mutter auch einmal in der Woche für sich haben wollte (ARK-Brüche allerorten, Out-Grad 3). Und über allem stand das Service Faksimile “Nichts, was hier geschieht, ist out-ethisch, denn unsere Ziele sind hehr.”

Da stand für mich fest: Es gab in der Kirche keinen Weg, ehrlich und integer die Brücke hinauf zu gehen. Und so schaute ich mich im Internet dort um, wohin mir die Kirchenleitung den Weg versperren wollte, und fand zuerst die Site des “Freie Zone”-Vereins. Dort gab es einen historischen Abriss der scientologischen Bewegung von den Anfängen bis heute. Und auf einmal begannen sich die Nebel zu lichten. (Wen es interessiert: http://www.freezone.de/german/d_histor.htm)

Mittlerweile auditiere ich wieder. Und es macht Spaß. Meine PCs haben Gewinne, und ich selbst bewege mich auch. Meine Familie mag mich weitaus mehr als früher, denn ich habe auch wieder Zeit für sie. Und ich genieße diese Zeit ohne schlechtes Gewissen. Würde ich gefragt werden, ob ich wünsche, dass andere diese Gewinne haben, könnte ich dies nur lauthals bejahen. Und deshalb diese Mail.

Was mir Leid tut, sind die vielen bemühten, hingebungsvollen Mitarbeiter und Publics in den Kirchen, denen ihr Vorankommen versagt bleibt; die, wenn sie denn studieren dürfen, die offensichtliche Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis schlucken müssen. Irrte denn LRH, als er in KSW 1 die einzige Gefahr als “Versagen in der Anwendung” darstellte?

In der Mail, auf die ich hier antworte, wurde dem Leser nahe gelegt, sich von der Kirche zu trennen. Ich sehe das nicht als Bedingung, denn die Leute, von denen man sich damit trennt, handeln zum Großteil aus ehrlicher, rechtschaffener Überzeugung und Absicht.

Vielmehr fürchte ich, dass die Erfahrungen in der Kirche Viele in eine niedrige Condition bzgl. Scientology an sich und der eigenen Integrität gebracht haben.

Wer sich hiervon angesprochen fühlt, dem möchte ich raten, einmal bei sich aufzuräumen. Lest euch die grundlegenden Bücher wieder durch, schaut, worauf es wirklich ankommt. Wenn ihr euch nicht traut, zu kommunizieren, dann genehmigt euch einen unverschleierten Blick: Gibt es jemanden. der nicht will, dass ihr nicht hinaus greift? Gibt es Verbote von Co-Auditing? Werdet ihr zu Handlungen gezwungen, mit denen ihr nicht übereinstimmt? Und dann überlegt euch, ob dies wirklich eure Intergrität entspricht. Oder (so ungefähr, denn ich finde diese Referenz z. Z. nicht) mit den Worten von LRH: “Auditoren aller Länder, vereinigt euch – ihr habt nichts zu verlieren als eure Zertifikate”.

Ich selbst freue mich über jede Kommunikation. Und ich bin gerne bereit, zu helfen, ohne neue Probleme zu entfachen.

Dazu noch ein LRH-Zitat zum Schluss:
"Wenn man sich durch Kommunikation in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hat, sollte man dann nicht ganz auf die Kommunikation verzichten? Nein. Selbst wenn man sich durch Kommunikation in Schwierigkeiten bringt, sollte man weiter kommunizieren. Mehr Kommunikation – nicht weniger – ist die Antwort.“ (Dianetik 55)

Mit ehrlichem ARK,

Uli Bogun, Berlin