Die Veränderung des Ethikbuches
von 1974 zu 1985 - Verwirrung hinzugefügt

Vom Mai 1974 liegt mir dieses Exemplar des englischen "Introduction to Scientology Ethics"-Buches vor:

Hier das Inhaltsverzeichnis der 74er Ausgabe:

Ausserdem liegt mir die Ausgabe des englischen "Introduction to Scientology Ethics"-Buches von 1985 (auch schon von RTC) vor.


Hier das Inhaltsverzeichnis 1985:


In dieser Ausgabe gab es eine Bibliographie auf Seite 88, die angibt, auf welchen Original-LRH-Referenzen das Buch basiert. Diese Referenzliste wurde in den späteren Ausgaben nicht mehr angegeben, so dass man nicht leicht nachvollziehen kann, wo die jeweiligen Kapitel herkommen und diese nicht auf Korrektheit überprüfen kann. Ich gebe hier die Bibliographie im Faksimile wieder, wie sie im o.g. 1985er Buch zu finden ist:

Ein schneller Vergleich (nur die Seiten durchgeblättert, kein Wort-für-Wort-Vergleich, der sollte noch gemacht werden) zeigt die folgenden Änderungen 1985 gegenüber 1974:

Im Gegensatz zu der mir vorliegenden früheren Ausgabe des Ethikbuches vom Mai 1974 taucht hier die Verwirrungsformel auf. Das basiert auf dem vermutlich gefälschten HCOPL 9. 2. 74R "Condition below Treason, Confusion Formula and exp. Confusion Formula".

Diese drei Änderungen finden sich auch schon in der mir vorliegenden Ersten deutschen Auflage des ItSE-Buches von 1981.

Denn interessanterweise wird diese Formel später weder im Ethikbuch vom Mai 1974 noch das HCO PL 9.2.74 im OEC Band 0 oder Band 1 von 1980 abgedruckt, beides taucht erst sieben Jahre nach 1974 auf, im Ethikbuch von 1981.

Denn diese Verwirrungscondition ist der nötige Einstieg, um wohlmeinenden Scientologen eine lower Condition zu zu weisen. Denn Verwirrt mag jeder mal sein, denn dies ist kein Ethikzustand, sondern ein Fallzustand. Entsprechend beinhaltet die Formel auch eine technische Anweisung zur Handhabung der Verwirrung (Locational und Recall-Prozesse) im Gegensatz zu den Arbeitszuständen, die sich alle als naheliegende Produktionsschritte angesichts des Zustandes anbieten und auch so von vielen geistig klaren Wogs zu erahnt werden ("ist doch eigentlich klar, macht das nicht jeder so, wenn er in dem Zustand ist?"). Ich kenne jedenfalls für jeden der Ethik-Zustandsformeln (von Verrat bis Power) Beispiele aus der Nichtscientology-Welt, wo diesen Formeln unbewußt genau gefolgt wird. Aber das gilt nicht für die Verwirrungsformel: Denn die Verwirrung ist ein Fallaspekt, der jederzeit einkeyen kann und wo die technische Handhabung überhaupt nicht auf der Hand liegt. Da es ein Fallaspekt ist und keine Condition bringt einen eine kurzzeitige Verwirrung auch nicht auf der Skala der Conditions nach unten. Man kann in Power sein und kurzfristig mal verwirrt. Wenn man aus der Verwirrung wieder herauskommt, findet man sich in Power wieder.

Warum nun diese Veränderung? Was wird damit bezweckt?

Wenn man zum Ursprung der tiefen Zustandsformeln zurückgeht, dann erkennt man, was der ursprüngliche Zweck gewesen ist. Ich zitiere aus den alten grünen OEC-Volume das ursprüngliche HCO PL 6. Oktober 1967

Ein ganz ähnlicher Ansatz wie die Lower Conditions verfolgt das HCO PL 1. Sept. 1969 Gegenspionage im OEC 7. Dort wird feindlichen Agenten angeboten, wie sie sich rehabilitieren können.

Es geht also offensichtlich um echte Feinde und Verräter: Um Agenten der Regierung und ähnliche Kaliber. LRH hatte für diese nicht nur den sofortigen Rausschmiß parat (der geht nämlich mit der Zuweisung einer Lower-Conditon einher), sondern bot gleichzeitig auch eine Möglichkeit der Rehabilitation an: Denn auch ein feindlicher Agent ist im Grunde ein Thetan und wenn er in Scientology tätig war, hat er vielleicht genug Wissen bekommen, um sich irgendwann von seinen Auftraggebern zu lösen und auf unsere Seite zu schlagen.

Nun möchten diese Agenten jedoch - falls sie mal wegen ihrer destruktiven Aktionen erkannt wurden und die Lower Conditon zugewiesen bekamen - auch die Chance haben, sich ganz ohne Rehabilitation wieder in das unverdiente Vertrauen der Gruppe zu schleichen. Und genau dafür haben sie eine Lösung gefunden: Wo immer sie die Macht dazu hatten, haben sie Good-Guys ebenfalls eine Lower Condition zugewiesen. Dadurch gewöhnten sie die Scientologen an den Anblick von Leuten, die in Lower Conditon waren und mit einer "Liability herumliefen". Sie konnten sich und ihre Leute in diesem üblichen Kotau gut verstecken.

An der Revision dieser Formel von 1977 scheint mir nichts verkehrt. Sie setzt halt nicht mehr voraus, dass man erst einmal beweisen muß, dass jemand ein bezahlter Agent der Gegenseite ist. Man geht einfach vom Overtprodukt aus. Falsch ist nur das Ausmaß, in dem diese Condition einem Goodguy schon für jeden kleinen Fehler zugewiesen wird.

Viele Goodguys weigern sich daher natürlich, wenn ihnen ein Verrat zugewiesen wird. Und es ist natürlich nicht effektiv, wenn man eine Conditionzuweisung macht, die erst mit einem Gerichtsverfahren etabliert werden muß. Insbesondere, wenn in diesem Comm Ev die Beisitzer ihren zu unrecht angegriffenen Kollegen verteidigen und freisprechen. Man brauchte also einen Gradienten, einen Einstiegspunkt, um einem Goodguy die Lower-Condition akzeptabel zu machen.

Und das genau ist die Verwirrungsformel, die hier hereingebracht wurde. Eine Verwirrung mag man eingestehen und läßt sich dabei gerne helfen (durch Locational und Recallprozessen) und hat da seinen Gewinn. Anschließend wird man vom Ethikofficer auf die Tabelle der Zustände verwiesen und dass nun der nächst höhere dran ist: Verrat und dann Feind, Zweifel und Belastung. Und schon steckt man in der Falle, weil man will ja nicht gegen LRH-Policy opponieren, man will ja nicht behaupten, dass diese "Skala" falsch sei.

Seit wann bilden die Zustände eine Skala?

Aber wer behauptet denn, dass es sich um eine Skala handelt, dass die Conditions einer nach der anderen anschließen? Denn bislang war nur von der Tabelle der Conditions die Rede. Und im HCO PL 6. Oktober 1967 scheint diese Reihenfolge offensichtlich nicht gegeben zu sein, denn die Verratsformel beinhaltet die Schritte der Wiedergutmachung, d.h. ein Verräter macht nur die Verratsformel um in gutes Ansehen zu kommen und nicht noch Feind, Zweifel und Belastung.

Nun, dieses Datum über die Skala stammt aus dem fragwürdigen HCO PL 3. August 1985 Completing Conditions Formulas: "Die Ethikzustandsformeln fließen, einer zum nächsten, wobei der erste Schritt einer Formel direkt dem letzten Schritt der vorigen Formel folgt."

Nun schließt sich der Kreis und die Manipulation ist perfekt: Man kann Goodguys eine Verwirrung zuweisen, von ihnen verlangen, dass sie danach durch Verrat, Feind, Zweifel und Belastung gehen und so die degradierten SPs unter den vielen Goodguys verbergen und wieder hochkommen lassen.

Tatsächlich wird den meisten Scientologen mit der Zuweisung von Lower-Conditions ein großes Unrecht angetan, denn viele sitzen auf erheblicher Ladung für dieses falsche Item. Und die meisten erwischten SPs und Agenten erhalten ungerechtfertigter Weise eine weitere Chance und gelangen nach den heftigsten Verbrechen wieder in gutes Ansehen, obwohl sie vielleicht nicht wirklich gelernt haben. Der Zweck der lower Conditons ist also so oder so verfehlt.

Andreas Groß

P.S.

Hat jemand ein Ethikbuch aus der Zeit zwischen 1974 und 1981, um zu überprüfen, wann genau diese Fälschung erstmalig eingeführt wurde? Bitte email an mich.

P.P.S.

Meine Frau ist ursprünglich darauf gestoßen, dass mit den unteren Conditions etwas nicht stimmt. Sie hat diesen lesenswerten Artikel darüber geschrieben.


Änderungsstand: 29. August 2004 - Copyright © 2004 by Andreas Groß, Schweiz
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